China auf dem Sprung zur Wirtschaftsmacht Nummer eins

Made in China 2025, die neue Seidenstraße und die Konzentration auf Ausbildung – drei Initiativen, die die Wirtschaftsmacht China an die Spitze hieven sollen. Doch wie kann Europa und im Speziellen Österreich auf den Aufstieg Chinas und die Änderungen in der Weltwirtschaft reagieren?  Dieser Beitrag erschien zuerst im WU Magazin 02/2018 als Beilage zur Presse.

Rund 440.000 Nächtigungen von chinesischen TouristInnen 2017 in Wien, um 34 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor oder rund 500 Prozent Steigerung gegenüber 2008. In Österreichs gefragtester Touristenattraktion, dem Schloss Schönbrunn, sind die Gäste aus China mittlerweile Nummer eins unter den BesucherInnen. Wenn der Outgoing-Tourismus als Indikator für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes herangezogen werden kann, dann ist China auf einem bemerkenswerten Weg. „Zur Hauptreisezeit im Sommer sind in ganz Europa mehr als 1000 Busse unterwegs, die chinesische Reisegruppen von einer Destination zur anderen bringen. Es ist schwer, diese Kapazitäten überhaupt bereitzustellen“, erklärt Waybin Li, der seit 2003 in Wien lebt und im Moment eine zweijährige Ausbildung zum Fremdenführer absolviert. „In der Regel bleiben die Gruppen nur eine Nacht, dann geht’s weiter im europäischen Besuchsprogramm, das rund zehn Tage dauert und fünf bis sechs Länder umfasst.“ Die stetig wachsende chinesische Mittelschicht – McKinsey und das Pew Research Center schätzen sie auf rund 400 Millionen – hat also ihr Interesse am Reisen entdeckt.

„China wird innerhalb der nächsten 20 Jahre Wirtschaftsmacht Nummer eins werden. In jedem Fall wird China die USA überholen. “ Jonas Puck

Die gesteigerte Mobilität zeigt sich nicht nur in Reisen ins Ausland. China gilt mittlerweile als das Land mit den meisten Hochgeschwindigkeits-Zugverbindungen. Rund 60 Prozent der weltweiten Infrastruktur ist in China verbaut. Im Hochgeschwindigkeitsbereich ist China technologisch am Weg, etablierte europäische Unternehmen zu überholen. In der industriell gefertigten Massenproduktion hat China das schon erreicht: Klassische Lokomotiven werden zu einem so günstigen Preis angeboten, dass westliche Produzenten meist nicht mithalten können. Triebfahrzeuge können deshalb zu ganz anderen Fixkosten hergestellt werden, weil das Land enorme Mengen davon selbst benötigt. Das verstärkte Interesse an Infrastruktur ist zentral gesteuert und soll zur wirtschaftlichen Belebung Zentralchinas und zur Markterschließung Europas, Zentralasiens und Südostasiens führen.

„Trotz politischer und wirtschaftlicher Kontakte hat Österreich China als geopolitischen Akteur lange Zeit vernachlässigt“, ist Jonas Puck, Leiter des WU Instituts für International Business überzeugt. „Österreich ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern recht spät dran. In Deutschland zum Beispiel hatten Unternehmen China vor über 15 Jahren stark im Fokus.“ Seiner Einschätzung nach wird China innerhalb der nächsten 20 Jahre Wirtschaftsmacht Nummer eins werden. In jedem Fall wird China die USA überholen. Puck: „Das ist auch verständlich, wenn man die EinwohnerInnenzahl betrachtet. Das BIP pro Kopf beträgt in den USA 50.000 Euro jährlich, in der EU durchschnittlich rund 30.000 Euro, in China liegt dieser Wert noch unter 10.000 Euro. Da ist riesiges Potenzial vorhanden.“

Der Handel mit China in Zahlen

2016 exportierte Österreich Waren im Wert von 3,3 Mrd. Euro, importierte aber zugleich Güter um rund 8 Mrd. Euro (ein Drittel davon wird in den zentraleuropäischen Raum weiter exportiert). 2017 haben chinesische Firmen 48,8 Mrd. Euro in europäische Firmen investiert. Österreich ist auf Rang 12 im Ranking der wichtigsten europäischen Zielmärkte für China. China ist Österreichs zehntwichtigster Exportmarkt.

Im Moment erfolge laut Puck die größte geopolitische Machtverschiebung seit dem Zweiten Weltkrieg. Als Reaktion auf die Strafzölle von Trump scheint sich China stärker der EU zu öffnen, die eine Art Brückenfunktion einnehmen könnte. Dies gilt sowohl für Handel als auch für Investitionen in beide Richtungen. Puck: „Ich denke, dies steht auch klar im Zentrum der europäischen Bemühungen. Im Automobilbereich wird zum Beispiel der rechtliche Rahmen geschaffen, dass weniger Partizipation mit chinesischen Unternehmen notwendig sein wird. Früher wurden ja ausländischen Firmen in China Partner regelrecht aufgezwungen.“ Vice versa kommt es nach wie vor zu Beteiligungen von chinesischen Unternehmen an europäischen, auch österreichischen wie Diamond Aircraft, FACC, Teile von Steyr oder Wolford. Das wird in der europäischen Wahrnehmung emotional zunächst negativ gesehen. Puck: „Mir sind allerdings keine Investitionen – weder in Deutschland noch in Österreich – bekannt, bei denen ein von einer chinesischen Firma übernommenes Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen hätte.“ China kauft die Unternehmen nicht aus Effizienzgründen, sondern um Kompetenzen zu erlernen, um mit dem Know-how eigene Firmen in China aufzuziehen.

Made in China 2025

Bis 2025 soll der Begriff „Made in China“ als Hersteller von hervorragenden Waren verstärkt wahrgenommen werden. Die Initiative geht von der chinesischen Regierung aus und verfolgt ein klares industriepolitisches Ziel: Die chinesische Industrie und die Pharmabranche sollen qualitativ aufgewertet werden. „Made in China 2025“ wird die höchstentwickelten Industriestaaten, zu denen die EU-Mitgliedsländer zählen, zweifellos vor eine Herausforderung stellen. „Bisher hat China als Hersteller von relativ günstigen (Zwischen-)Produkten mit niedrigerer Qualität am Weltmarkt punkten können“, analysiert Harald Oberhofer, Professor am WU Institut für Internationale Wirtschaft. „China strebt nun an, im Hochtechnologiebereich sowohl für den heimischen Bedarf als auch am Weltmarkt attraktiver zu werden. Für die bisherigen Innovationsführer wird sich der Wettbewerbsdruck erhöhen.“

„China strebt nun an, im Hochtechnologiebereich sowohl für den heimischen Bedarf als auch am Weltmarkt attratktiver zu werden.“ Harald Oberhofer

Kurzfristig bietet die „Made in China 2025“-Strategie aber auch Chancen für die europäische Industrie. Für den Aufbau der notwendigen Expertise sowie die Produktion hochwertigster Industriegüter wird die chinesische Wirtschaft nicht auf das Know-how der WeltmarktführerInnen in den jeweiligen Bereichen verzichten können. Oberhofer: „Natürlich suchen sich chinesische InvestorInnen strategisch interessante Übernahmeziele aus. Das in den Unternehmen vorhandene Know-how spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Die Herausforderung für europäische Unternehmen besteht darin, immer wieder innovativ zu sein, um die Weltmarktführung in gewissen Bereichen aufrechterhalten zu können. Wer einen Schritt voraus ist, muss sich vor Wettbewerb oder vor einer Übernahme nicht fürchten.“

Die neue Seidenstraße

Die Belt Road Initiative (BRI) umfasst 65 Länder mit einer Bevölkerung von 4,4 Mrd. Personen, das entspricht rund 70 Prozent der Weltbevölkerung, die für 29 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung verantwortlich sind. Die Projekte des BRI werden mit rund 1,1 Billionen Euro beziffert, das ist rund siebenmal so umfangreich wie der Marshall-Plan. Es wäre die größte Investition der Menschheitsgeschichte. Drei Routen werden skizziert: zwei Landverbindungen und eine Seeverbindung.

Neue Seidenstraße führt an Österreich vorbei

Das wichtigste Projekt Chinas ist die Belt Road Initiative, kurz BRI oder „neue Seidenstraße“ genannt. Das Ziel ist die Schaffung eines Wirtschaftsraums von Westchina bis Mitteleuropa. Straßen, Schienen und Seewege sind genauso geplant wie neue Öl- und Gaspipelines, Stromnetze und digitale Netzwerke. Auf allen bisherigen Karten, die die Verläufe der neuen Seidenstraße zeigen, scheint Österreich nicht auf. Das zu ändern, war eines der Themen, die die heimische Politik- und Wirtschaftsdelegation im April in China zur Sprache brachte. „Österreich zeigt Interesse an einer stärkeren Einbindung im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative“, erklärt Tina Wakolbinger, stellvertretende Leiterin des WU Instituts für Transportwirtschaft und Logistik. In die BRI könnte auch das ehrgeizige Infrastrukturprojekt eingebettet werden, die Transsibirische Breitspureisenbahn vom Osten der Slowakei bis 2033 in den Raum Wien (hier laufen bereits drei wichtige innereuropäische Logistikkorridore zusammen) zu verlängern.

Der Schienentransport soll durch einmal weniger Umladen wesentlich schneller abgewickelt werden. Wakolbinger: „Der raschere Transport auf der Schiene zwischen China und Österreich bietet für zeitkritische und kapitalintensive Güter einen starken Vorteil. Vom Ausbau der Bahninfrastruktur profitieren Branchen wie die Elektronik und Automobilindustrie.“ Einen Vorgeschmack auf zukünftige Bahntransporte aus China nach Österreich liefert die erste direkte Güterverbindung von Chengdu, die ebenfalls im Rahmen des Besuchs der österreichischen Delegation auf die 9800 Kilometer lange Reise geschickt wurde. Die Fahrzeit beträgt im Moment 14 Tage. Rund 500 Güterzüge sollen noch in diesem Jahr abgefertigt werden.

Ausbildung in West und Ost

Umfangreiche Kooperationen mit China gibt es auch im Bildungssektor. Die WU hat bereits sehr früh begonnen, mit chinesischen Partneruniversitäten zusammenzuarbeiten. Die erste Kooperation mit der Peking University begann 1989, weitere folgten dann Ende der 1990er-Jahre. Für WU Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger wird die Region in Zukunft verstärkt von Interesse sein: „Zurzeit haben wir dreizehn Partnerschaften. Grundsätzlich sind wir in der Auswahl der Partneruniversitäten sehr selektiv, geachtet wird vor allem auf Qualitätsparameter wie internationale Akkreditierungen.“

Martina Pardy war von Februar bis Juni 2016 als Austauschstudentin an der Pekinger Tsinghua Universität, die in China zu den Top drei Universitäten zählt. „Der Campus der Tsinghua-Universität ist riesig, bis zu 45.000 Menschen leben dort. Es gibt Sportanlagen, ein Krankenhaus, ein Postamt, einen Supermarkt und 18 Mensen.“ Da das chinesische Bildungssystem sehr kompetitiv ist, hatte Pardy ein großes Arbeitspensum zu bewältigen. Obwohl sie im Vorfeld zwei Jahre Chinesisch lernte, besuchte sie die wirtschaftsrelevanten Kurse auf Englisch. Pardys persönliches Resümee über China: „Viele Vorstellungen, die man von China hat, treffen tatsächlich zu. ChinesInnen sind daran interessiert, früh viel zu lernen. Bezüglich ihrer Karriereplanung gehen sie sehr strategisch vor. Die persönliche Selbstfindung in einem gänzlich anderen Umfeld war für mich die größte Herausforderung.“

„China hat 2017 sowohl Großbritannien als auch Deutschland in der wichtigen Kennzahl ‚Anzahl der Zitate in internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften‘ überholt.“ Bodo Schlegelmilch

Häufig in China zu Gast ist auch Bodo Schlegelmilch, Leiter des WU Instituts für Internationales Marketing Management: „China ist sicherlich kein akademisches Entwicklungsland. Wie stark die wissenschaftliche Leistung bereits heute ist, lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass China 2017 sowohl Großbritannien als auch Deutschland in der wichtigen Kennzahl ‚Anzahl der Zitate in internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften‘ überholt hat. China besetzt global jetzt den zweiten Platz hinter den USA.“ Demnach wird der Wert einer Universitätsausbildung in China laut Schlegelmilch sehr hoch eingeschätzt. Nach seinen Erfahrungen sind chinesische Studierende hoch motiviert, leistungswillig und punkten mit ihren besseren mathematischen und analytischen Fähigkeiten. Sie verfügen jedoch oft über geringere Englischkenntnisse als ihre ausländischen KommilitonInnen. Europäische und amerikanische Studierende strahlen daher mehr Kommunikationssicherheit aus. „Hier müssen europäische Studierende aufpassen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

„Die persönliche Selbstfindung in einem gänzlich anderen Umfeld war für mich in Peking die größte Herausforderung.“ Martina Pardy

Die Work-Life-Balance wird in China mit einem ganz großen W und einem ganz kleinem L geschrieben“, berichtet Schlegelmilch. Stellt sich die Frage, ob es in Zukunft immer mehr Top-ManagerInnen aus Asien geben wird? Schlegelmilch ist überzeugt: „Der chinesische Einfluss wird zweifelsohne zunehmen, weil das Land als Wirtschaftsmacht eine Top-Position anstrebt und sehr viele Investitionen von dort kommen. EuropäerInnen müssen sich daran gewöhnen, dass der Wettbewerb für Top-Talente nicht an Ländergrenzen halt macht, sondern multinationale Firmen in einem globalen Talente-Pool fischen.“

„Vom Ausbau der Baninfrastruktur profitieren Branchen wie die Elektronik- und Automobilindustrie.“ Tina Wakolbinger

WU Kurzstudienprogramm in China

Die Internationalen Sommeruniversitäten der WU (ISUs) bieten WU-Studierenden die Möglichkeit, international ausgerichtete Kurzstudienprogramme im Ausland zu absolvieren und zusätzlich den Studienfortschritt zu fördern. Die ISU China ist ein dreiwöchiges Kurzstudienprogramm, das in Kooperation mit der Tongji University, School of Economics and Management in Shanghai stattfindet. Der Fokus des Programms liegt auf International Strategies in Emerging Markets; China steht dabei im Mittelpunkt.

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