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Pflege – who cares?

Nicht nur die hohe Jugendarbeitslosigkeit und unsichere Pensionen verkomplizieren das Zusammenleben der Generationen. Eine weitere soziale Herausforderung stellt die Pflege und Betreuung älterer, kranker oder behinderter MitbürgerInnen dar.

Der Bedarf steigt durch den demografischen Wandel, längeres Leben, veränderte Familienstrukturen und die Erwerbstätigkeit von Frauen. Der Hauptpfeiler der Pflege ist die sogenannte informelle, sprich unbezahlte Betreuung durch Angehörige. Zu 80 Prozent übernehmen Frauen diese Tätigkeit. „Unbezahlte Familienarbeit und Erwerbsarbeit sind miteinander verzahnt“, erklärt WU-Professorin Ulrike Schneider vom Forschungsinstitut für Altersökonomie.

Pflege und Betreuung: Reine Frauensache?

„Entwicklungen in beiden Feldern erfordern es, die tradierten Rollenbilder zu verändern. Auch die gesellschaftliche und ökonomische Bewertung der Pflegearbeit – bezahlt wie unbezahlt – ist zu überdenken. Dass nicht nur die informelle, sondern auch die professionelle Pflegearbeit überwiegend weiblich ist, unterstreicht aus meiner Sicht beide vorgenannten Argumente.“ Karin Heitzmann, Professorin am WU Institut für Sozialpolitik, meint, dass die informelle Betreuungsarbeit auf mehr Köpfe im Haushalt verteilt werden sollte: „Das bedeutet vor allem, dass mehr Männer motiviert werden müssten, informelle Betreuungsarbeiten zu übernehmen. Zu tief sitzt wohl nach wie vor der Glaube, dass Pflege und Betreuung Frauenarbeiten wären.“ Schneider widerspricht dieser Argumentation, indem sie anführt, dass es eine zunehmende Zahl an Männern in der informellen Pflege gebe. Ein Grund für diese Entwicklung sei, dass sich die Lücke in der Lebenserwartung von Männern und Frauen über die Zeit verringert habe und mehr Ehepaare gemeinsam ein höheres Lebensalter erreichen würden.

Männer motivieren, mehr Betreuungsarbeiten zu übernehmen

Inhaltlich bedeutet die Abschaffung des Pflegeregresses, dass in Zukunft bei externer Pflege nicht mehr auf das Vermögen des zu Pflegenden zurückgegriffen werden kann. Die Abschaffung des Pflegeregresses erhöht zugleich den bereits bestehenden Handlungsdruck, die Finanzierung der Pflege nachhaltiger zu sichern, als dies bisher der Fall war. Kapazitätserweiterungen an Pflegeeinrichtungen  sind nicht ohne weiteres möglich. Gerade im Rahmen der Pflege und Betreuung von behinderten, kranken und älteren Menschen sind viele Formen zwischen Betreuungen im eigenen Haushalt, ambulant und stationär möglich. „Da können wir uns von anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark einiges abschauen“, meint Heitzmann.

Durch ein mobiles Pflege- und Betreuungsangebot als Ersatz der informellen Pflegeleistung verzögert sich der Eintritt in stationäre Pflegeeinrichtungen, dadurch entsteht jedoch auch ein drastisch höherer Bedarf an AltenpflegerInnen. Schneider: „Der Bedarf an Altenpflegekräften steigt in jedem Fall auch ohne Pflegeregress. Dies zeigt der Blick auf alle jüngeren Projektionen zur Pflegebedürftigkeit in Österreich. Auch die OECD hält fest, dass der Mehrbedarf an Pflege und Betreuung nicht über eine Expansion der familiären Pflege aufgefangen werden kann.“ Die OECD hat ebenfalls darauf hingewiesen, dass es in vielen europäischen Ländern einen Pflegekräftemangel gebe und dass dies eine Folge von Löhnen und Arbeitsbedingungen in diesem Sektor sei.

„In vielen Ländern werden prekäre Arbeitsbedingungen ermöglicht, um Pflege und Betreuung möglichst kostengünstig anbieten zu können“, berichtet August Österle, Professor am WU Institut für Sozialpolitik.  Der Sektor, der in Österreich in den vergangenen Jahren am schnellsten gewachsen ist, ist die 24-Stunden Betreuung. Die Zahl der in diesem Bereich tätigen BetreuerInnen ist inzwischen höher als die Zahl der Pflege- und Betreuungskräfte in den stationären und mobilen Diensten. Österle: „Die 24-Stunden-Betreuung ist jener Bereich der bezahlten Pflege- und Betreuungsarbeit, in dem es keine Anforderungen an Qualifikation und kaum eine Regulierung von Qualität und Arbeitsbedingungen gibt. Die Frage von Qualität oder die Definition der Arbeitsbedingungen bleibt den BetreuerInnen, den betreuungsbedürftigen Personen und deren Familien oder den Vermittlungsagenturen überlassen.“

Pflege erwirtschaftet Wertschöpfung

Der Pflegesektor ist also ein wesentlicher Arbeitgeber  geworden, der hohe Wertschöpfungsbeiträge erwirtschaftet. Daher stellt der steigende Bedarf älterer, langzeiterkrankter oder eingeschränkter Personen nach Versorgungs- und Serviceleistungen nicht nur eine gesellschaftliche Herausforderung, sondern auch eine Chance für mehr Beschäftigung und sinnstiftende Arbeit dar. Mit Blickrichtung Generationenvertrag ist das ein Argument, dem Jüngere und Ältere durchaus etwas abgewinnen können.

Veranstaltungs-Tipp!

5. Dezember 2017, 18.00 Uhr

WU Matters. Wu talks. Wer kümmert sich? Wer zahlt? Ökonomische Aspekte der Langzeitpflege

Die Betreuung älterer Menschen stellt aufgrund der demografischen Entwicklung eine wachsende Herausforderung dar. Ab 2030 werden die Kosten für Pflege massiv ansteigen.

Vortragende:

Ulrike Schneider, Forschungsinstitut für Altersökonomie und Julian Hadschieff, PremiQa

Moderation:

Rainer Nowak, Chefredakteur Die Presse

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