Perspektivenwechsel: Eine Chance und ein nützliches Experiment

Meine Zeit an der WU ist zu Ende und aus diesem Anlass möchte ich eine Erfahrung teilen, die mich sehr bereichert und mehr als einen Perspektivenwechsel ermöglicht hat. In den Worten von Zuckerbäcker Hisham: „ein nützliches Experiment“.

Als die WU zum Sommersemester 2017 ein zweites mal Praktika für Flüchtlinge ausschrieb, waren wir uns am Kompetenzzentrum für Emerging Markets & CEE schnell einig, dass wir einen Platz anbieten, bzw. uns um die Zuteilung eines/r PraktikantIn bewerben wollten. Immerhin werden etliche Herkunftsländer der Flüchtlinge bereits als Frontier-Märkte gelistet.

Mit seinem Esprit, den leuchtenden Augen und einer bedächtig-sorgsamen Ausdrucksweise in beeindruckend gutem Deutsch hatte uns Bewerber Hisham recht schnell überzeugt, auch wenn er mit dem Konzept der Emerging Markets (zunächst) nicht viel anzufangen wusste. Das änderte sich bald. Im Rahmen seines Praktikums sollte er recherchieren, was an der WU über Emerging Markets geforscht und publiziert wird. Keine leichte Aufgabe! Zwar hatte er in Damaskus ein betriebswirtschaftliches Studium absolviert, aber innerhalb der BWL gibt es ja die unterschiedlichsten Teildisziplinen; ganz abgesehen davon, dass das Themenfeld selbst zunächst einmal ein originär volkswirtschaftliches ist und sich aus der juristischen Perspektive noch einmal ganz andere Forschungsfragen auftun. Nicht leicht also, sich einen Überblick zu verschaffen und so arbeitete er sich tapfer durch Abstracts, Einleitungen und Zusammenfassungen.

Emerging Markets in Österreich

Irgendwann meinte Hisham, dass ihm die Forschung an der WU insgesamt doch recht einseitig und teilweise blind erscheine, zumindest nicht besonders up-to-date; was denn zum Beispiel mit den Emerging Markets hier bei uns sei. Ich verstand nicht gleich. Er rechnete also vor: fast 90.000 Asylanträge in 2015 und mehr als 40.000 für 2016. Insgesamt registrierte Österreich seit dem Jahr 2000 über 440.000 Asylanträge. Die top Herkunftsländer: Afghanistan, Russland, Syrien, Irak und Serbien. „OK für Russland und Serbien“, gestand ich ein und dass Syrien und Irak vielleicht als Schwellenmärkte von Morgen oder Übermorgen durchgehen. Aber Afghanistan in absehbarer Zukunft sicher nicht.

Es ging ihm jedoch nicht primär um Klassifizierungsfragen, bzw. ob bestimmte Länder in weiter Ferne nun die Kriterien für einen „aufstrebenden Markt“ erfüllen oder nicht. Vielmehr sei doch völlig klar, dass all diese Menschen hier bei uns ganz neue Business Opportunities ins Land brächten. „Die wollen ihr eigenes Brot essen!“ In Wien sei er leider nicht der erste, der dies bemerkt hätte, und nun sei er auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee. Denn davon war er – nicht zuletzt aus eigener Erfahrung –  felsenfest überzeugt: dass Menschen auch in der Fremde (und vielleicht sogar gerade dort) eine hohe Kaufbereitschaft hätten für Güter und Dienstleistungen, die zu Hause ganz selbstverständlich zum Alltag gehörten.

Eine Idee nimmt Gestalt an

Während ich mich dransetze, die mit dieser Grundidee verknüpften Forschungsfragen zu formulieren und eine Projektskizze für einen Drittmittelantrag zu schreiben (Arbeitstitel „Heimweh – Fernweh“), mietete Hisham in Wien Ottakring ein Geschäftslokal an. In den folgenden Wochen erschien er zunehmend übernächtigt und mit immer tieferen Augenringen im Büro, die Gründungsphase zehrte ganz offensichtlich an ihm. Geld war dabei noch das geringste Problem, denn einen finanzkräftigen Partner hatte er schnell an Bord. Viel schwieriger und schier endlos gestaltete sich das ganze Bewilligungsprozedere. Erst sollte etwa ein Waschbecken links montiert werden, also ließ er ein Waschbecken links montieren.

Beim nächsten Besuch von der gleichen oder einer anderen Behörde lautete die Vorgabe des neuen Beamten, das Waschbecken doch bitte rechts im Raum zu montieren! Geschichten dieser Art raubten ihm buchstäblich den Schlaf. Ich dachte oft, dass es wohl ein ganz spezielles Mindset braucht, um nicht entnervt das Handtuch zu werfen und fragte mich auch, ob jemand, der in Hamburg, Utrecht oder Aalborg aufgewachsenen ist, wohl die notwendige mentale Stärke mitbringt, die es für eine erfolgreiche Gründung in Österreich offensichtlich braucht. Im Herbst war es schließlich so weit. In der Thaliastraße 66 wurde die Geschäftseröffnung gefeiert, verkauft werden seitdem orientalische Süßigkeiten.

Perspektivewechsel bei Kaffee und Kunafa mit Käse

Im November besuchte ich Hisham in seinem Ottakringer Laden, bestellte das Catering für die nächste Veranstaltung am Kompetenzzentrum und erzählte ihm, dass das „Heimweh-Fernweh“-Projekt mangels Finanzierung vorerst leider nicht starten könne. „Geld gibt es genug! Überall ist Geld. Musst Du bessere Investoren finden“. Ich versuchte zu erklären, dass Forschung nicht wirklich eine for-profit Angelegenheit sei; aus seiner Sicht sehr einseitig und als solches schon mal ein Fehler. Und dann brachte er einmal mehr sein Unverständnis hervor: „So ein schönes Land! Aber wo sind die passenden Finanzierungsinstrumente? Warum geht das ganze Geld nach London? Zum Beispiel: warum gibt es kein Islamic Banking in Österreich?“ Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass im letzten Jahr eine angedachte Veranstaltung des Kompetenzzentrums zu diesem Thema nicht zu Stande kam, weil wir keine ReferentInnen finden konnten. Von allen Seiten hagelte es ein abschlägiges „zu heiß!“. Das war im Spätsommer, es tobte ein Wahlkampf der weniger appetitlichen Sorte. Hisham hörte sich das alles an und sah – richtig, die Marktlücke: Anlageberatung von Investoren aus Nahost. Ob die sich denn von einer Frau beraten ließen, zweifelte ich, und dass ich zudem kein arabisch spräche. „Brauchst Du Business-Partner. Ich kenne! Soll ich Dich vorstellen?“

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