„Technologie allein reicht nicht aus, um einen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen!“

Dass die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auch dem ungebremsen Konsum in Europa und anderen westlichen Industrienationen zuzuschreiben sind, ist kein Geheimnis mehr. In seiner Forschung hat Researcher of the month Stefan Giljum festgestellt, dass der jährliche Verbrauch von Rohstoffen bei EuropäerInnen mit 20 bis 30 Tonnen pro Kopf zehnmal so hoch wie jener in Afrika oder Asien. Wir haben den Nachhaltigkeitsforscher gefragt, welche Maßnahmen der Einzelne setzen kann, um die Umwelt zu schonen.

Name: Stefan Giljum

Jahrgang: 1972

Geburtsort (aufgewachsen in): Wien

Als Kind wollte ich werden: Koch

Darum bin ich Wissenschaftler geworden: Weil ich die Komplexität der Welt besser verstehen wollte

Das fasziniert mich an meinem Fachbereich: Dass die Nutzung natürlicher Ressourcen ein Querschnittsbereich ist, über alle Sektoren der Wirtschaft und über alle Länder weltweit

Mein persönliches berufliches Wunschziel: Einen kleinen Beitrag für eine nachhaltigere und gerechtere Welt zu leisten


WU Blog: Ihre Forschung wurde vor kurzem mit einem 2 Mio. € dotiertem Preis ausgezeichnet. Was sind nun die nächsten Schritte für Ihre Forschung?

Stefan Giljum: Das ERC Projekt „FINEPRINT“ wird es uns ermöglichen, die Erforschung internationaler Wertschöpfungsketten und der globalen „Fußabdrücke“ unseres Konsums auf eine neue Stufe zu heben. Bislang arbeiteten wir auf der Ebene einzelner Länder. Aber die ökologischen und sozialen Verhältnisse in jenen Ländern, in denen Rohstoffe abgebaut werden, variieren sehr stark. Deshalb werden wir nun in die verschiedenen Abbauländer „hineinzoomen“, um zu analysieren, welche der in Europa konsumierten Produkte etwa zur Abholzung des Regenwaldes in Brasilien beitragen oder mit Bergbaukonflikten in bestimmten Regionen in Südafrika verbunden sind.

WU Blog: Konsumieren wir in Europa zu viel?

Stefan Giljum: Ja, der durchschnittliche Verbrauch an Rohstoffen in Europa liegt mit 20 bis 30 Tonnen pro Jahr auf einem Niveau, welches nicht weltweit verallgemeinerbar ist. Das heißt, dass Menschen etwa in Sub-Sahara Afrika oder Südasien, deren Konsum heute um einen Faktor 10 niedriger liegt, unser Niveau gar nicht erreichen können, ohne dass es zu einer globalen ökologischen Katastrophe kommt, Stichwort Klimawandel. Wir müssen daher unseren Verbrauch deutlich reduzieren, um „Umweltraum“ für eine Erhöhung des materiellen Lebensstandards in anderen Weltregionen zu schaffen.

Menschen in Afrika oder Südasien, deren Konsum heute um einen Faktor 10 niedriger liegt, können unser Niveau gar nicht erreichen, ohne dass es zu einer globalen ökologischen Katastrophe kommt.

WU Blog: In Ihrer Forschung sprechen Sie davon, dass sich die Produktionsorte und Konsumorte immer weiter voneinander entfernen. Können Sie ein Beispiel für eine ökologische/soziale Auswirkung des westlichen Konsums auf andere Regionen geben?

Stefan Giljum: Das globalisierte Wirtschaftssystem führt dazu, dass die negativen Auswirkungen unseres Konsums oft weit weg stattfinden und für uns nicht unmittelbar spürbar sind. Es gibt für diese Auswirkungen eine Vielzahl von Beispielen: etwa die Gewinnung von seltenen Erden in China, aus denen Magnete für unsere Handys und Laptops hergestellt werden, und deren Verarbeitung toxische und radioaktive Abwässer in die dortige Umwelt freisetzt; oder die stark wachsende Nachfrage nach Palmöl in der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie, welche zu großflächigen Rodungen von Regenwald zur Schaffung von Palmölplantagen in Südostasien führt, mit dramatischen Folgen für die Artenvielfalt.

WU Blog: Was kann der/die Einzelne leisten, um den Klimawandel noch aufzuhalten?

Stefan Giljum: Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass unser persönlicher Fußabdruck insbesondere in drei Konsumbereichen besonders groß ist: bei unserer Ernährung, unserer Mobilität sowie im Bereich bauen und wohnen. Es gibt Maßnahmen, die den Fußabdruck maßgeblich reduzieren können, ohne, dass es zu einer Einbuße unserer Lebensqualität kommt. Etwa, wenn wir unseren Konsum an Fleisch reduzieren und stattdessen öfter zu einer vegetarischen Speise greifen – das bringt dann gleichzeitig auch gesundheitliche Vorteile. Oder, in dem wir zu einem Stromanbieter wechseln, der Strom vollständig aus erneuerbaren Energiequellen produziert. Für den CO2-Fußabdruck wäre es jedoch am wichtigsten, auf Fernreisen zu verzichten, da diese die Klimabilanz am stärksten negativ beeinflussen.

Weniger Fleisch, Stromanbieter wechseln und auf Fernreisen verzichten

WU Blog: Was können wir unseren Kindern für die Zukunft mitgeben?

Stefan Giljum: Unsere Kinder werden in einer Welt leben, in der technologische Alternativen für eine Vielzahl von Problemen existieren, etwa im Bereich der digitalen Kommunikation, der Energiebereitstellung oder der nachhaltigen Mobilität. Wir müssen aber unseren Kindern mitgeben, dass Technologie alleine nicht ausreichen wird, um den notwendigen Wandel der Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen. Dazu wird es auch in Zukunft gesellschaftspolitische und demokratisch legitimierte Prozesse brauchen, welche die notwendigen Rahmenbedingungen für einen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit etablieren.

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