Wie investiert Österreich?

Im internationalen Vergleich ist Österreich nach wie vor ein Land, in dem zwar viel gespart, aber wenig in Wertpapiere investiert wird. Warum ist das so? Welche Chancen und Risiken gibt es? Und worauf sollte man generell bei der Veranlagung des eigenen Vermögens achten? Diese Fragen wurden im Rahmen von „WU mattters. WU talks.“ am 2. April diskutiert.

Bettina Fuhrmann, Vorständin des WU Instituts für Wirtschaftspädagogik, präsentierte an diesem Abend die Ergebnisse einer Befragung von 1.000 Österreicher*innen (durchgeführt vom Gallup-Institut), die ergab: „Internationale Studien der OECD zeigen, dass die Österreicher*innen beim allgemeinen Finanzwissen gar nicht so schlecht abschneiden – wir liegen auf Platz 2 hinter Deutschland. Unsere Befragung zeigt aber, dass sich dies nicht beim Engagement für Wertpapiere widerspiegelt. Hohe Beträge – geschätzte 400 Milliarden Euro – liegen auf niedrig verzinsten Konten. Wir sehen also, dass dieses Wissen zwar vorhanden ist, aber nicht umgesetzt wird.“

Österreicher*innen haben hohes Finanzwissen, aber auch Unsicherheiten

Was also wissen die Österreicher*innen tatsächlich über das Thema Wertpapiere, ETFs und neue Veranlagungsformen, wie Kryptos? 72% der Befragten nutzen diese Veranlagungsformen gar nicht – wohl auch, weil 60% der Meinung sind, gar nichts bis wenig über diese Themen zu wissen. Es zeigt sich, dass das Interesse für diese Themen auch nur bei 50% der Befragten überhaupt vorhanden ist, und wiederum nur ein Drittel denkt, es kenne sich gut genug bei diesem Thema aus. Es herrschen also große Unsicherheiten und die Diskrepanz zwischen dem gefühlten und tatsächlichen Finanzwissen der Befragten hat Auswirkungen auf das Investitions- und Risikoverhalten.

„Personen aller Altersgruppen und Bildungshintergründe haben starke emotionale Überzeugungen, die sich von ‚Wertpapiere sind nur etwas für reiche Menschen‘ bis zu ‚dazu braucht man jahrelange Erfahrung‘ erstrecken“, stellte Fuhrmann fest. Finanzbildung kann hier entgegenwirken.

Dass bessere Finanzbildung mehr Investitionen mit sich bringt, bestätigt auch Fiona Springer von der Finanzmarktaufsicht Österreich (FMA): „Vor Beginn der Pandemie 2020 lagen die Wertpapier-Investitionen der Österreicher*innen noch 20% unter dem europäischen Durchschnitt. Fünf Jahre später haben wir uns diesem Durchschnitt angenähert – was war passiert?“ Die Untersuchungen zeigen: „Während der Pandemie gab es wenig Möglichkeiten, Geld auszugeben und gleichzeitig hatte man viel Zeit, sich mit dem Thema Wertpapiere und Investitionen zu beschäftigen“, so Springer.

Pandemie brachte Veränderungen im Investitionsverhalten

Von 2020 bis 2025 strömten deshalb viele neue Anleger*innen auf den Kapitalmarkt, und als stärkste Gruppe stachen die 18 bis 24-Jährigen heraus – die Zahl der jungen Anleger*innen hat sich seit 2020 fast verdoppelt. Das am stärksten wachsende Produkt während dieser Zeitspanne sind ETFs. Die GenZ investiert nicht nur häufiger als ältere Gruppen, sie verhält sich auch anders: „Auch am Kapitalmarkt zeigt sich die Onlineaffinität der GenZ– junge Menschen gehen nicht mehr in die Bank und lassen sich über ihre Wünsche, Ziele und auch Risiken beraten. Sie vertrauen Trading Apps, Neobrokern und Finfluencern.“

Vlnr: Stefan Pichler, Vorstand des Institute for Finance, Banking and Insurance; Fiona Springer, FMA – Finanzmarktaufsicht Österreich; Doris Zingl, Leitung Bereich Recht, Bankenverband; Bettina Fuhrmann, Vorständin des Instituts für Wirtschaftspädagogik; Gerhard Hofer, stellvertretender Chefredakteur, Die Presse

Das bringt im Idealfall nicht nur hohe Renditen, sondern auch eine hohe Eigenverantwortung mit sich: „Junge Menschen, die in einem beratungsfreien Raum Kapital investieren, müssen sich bewusst sein, wie hoch dieses Risiko ist. Wir sind uns nicht sicher, ob diese jungen Menschen wirklich verstehen, in welche Produkte sie investieren, wie hoch die Risiken einzuschätzen sind und ob ihre Investitionsziele überhaupt erreicht werden können.“

Vorsicht vor Online-Finanzbetrug

Was bei der FMA nämlich auffällt: Betrügereien über Trading Apps sind mittlerweile die am häufigsten erfasste Finanzbetrugsform, und im Schnitt verlieren die Opfer solcher Betrugsmaschen 44.000 Euro. „Man darf nicht glauben, dass man vor diesen Betrügereien gefeit ist – es lohnt sich, stets die aktuellsten Tricks der internationalen Finanzbetrüger im Auge zu behalten!“, mahnt die FMA-Expertin.

Eine (leider oft erfolgreiche) Online-Finanzbetrugsmasche nennt sich Nachschussbetrug und wird von Springer so erklärt: Man investiert innerhalb der App anfangs nur kleinere Beträge, um die 250Euro. Im Anschluss werden die Opfer via Telefon direkt kontaktiert oder in Telegram- oder Whatsapp-Gruppen dazu aufgefordert, nach zu investieren. Man schießt also Geld nach, und plötzlich bricht der Kontakt ab. Nach einer Weile wird man von den Betrüger*innen erneut kontaktiert, und darauf hingewiesen, dass man mit einer „Nachzahlung“ sein Geld zurückbekommen könne. „Durch diese Masche hat etwa ein Unternehmer aus Österreich im letzten Jahr 1,6 Millionen Euro privates Vermögen verloren!“, klärt Springer auf.

Plädoyer für eine starke Finanzbildung

Finanzwissen bildet also die Basis für gute Investitionen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Einkommen oder Bildungsgrad. Und diese Finanzbildung ist auch in Österreich für viele Gruppen durchaus noch ausbaufähig, darunter Frauen und junge Menschen. „Fast doppelt so häufig wie Frauen investieren Männer in Wertpapiere, Menschen mit Bildungsgrad Matura oder höher sind mit einer 1,5 mal höheren Wahrscheinlichkeit in Wertpapieren aktiv und jene, die sich selbst ein gutes Einkommen belegen, investieren 4 mal häufiger in Wertpapiere“, weiß Doris Zingl, Bereichsleiterin Recht des Bankenverbands.

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