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Plagiate als Kontrollproblem?

Sie waren längere Zeit ein Thema in den Medien: Plagiate. Wie die WU damit umgeht und wo die Schwierigkeiten liegen, erklärt Oliver Vettori, Leiter Qualitätsmanagement & Program Delivery im Bereich Lehre.

Im jüngeren Diskurs zum Thema Plagiate und Betrug an Hochschulen dominiert eindeutig das Kontrollparadigma: Die einschlägige Berichterstattung fokussiert auf Mechanismen zum Aufspüren von Plagiaten, in den Medien sind „PlagiatejägerInnen“ unterwegs, und die Frage, welche Software Universitäten einsetzen, ist zu einem wichtigen Thema in den einschlägigen Foren und zum Gegenstand eigener Tests und Rankings geworden. Alles dreht sich um bessere Kontrollen und schärfere Sanktionen, um die „bösen“ Plagiierer zu bestrafen oder abzuschrecken – aber reichen das einseitige Zuschreiben von Verantwortung und die Optimierung der Kontrollmechanismen aus, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Natürlich ist das Identifizieren von Plagiaten fraglos ein sehr relevanter Aspekt: Noch nie war Abschreiben so leicht wie heute, und es gibt wohl nur wenige Themen, die im World Wide Web nicht schon in irgendeiner Form bearbeitet zur Verfügung stehen. Plagiatesoftwares können den Universitäten und den einzelnen Lehrenden auf sinnvolle Weise Zeit und Geld bei der Überprüfung sparen (professionelle PlagiateaufspürerInnen wohl nur Zeit, dafür sind sie vermutlich gründlicher), und entsprechende Prozesse zum Handling von Verdachtfällen sind ein notwendiger Bestandteil der universitären Qualitätssicherung in Lehre und Forschung (selbst wenn die rechtlichen Sanktionsmöglichkeiten eher beschränkt sind). Auch die WU widmet sich dem Thema seit Jahren (http://www.wu.ac.at/academicstaff/support/plag) – der Umstieg auf eine neue Software, mit welcher Abschlussarbeiten zukünftig verpflichtend überprüft werden sollen, und damit verbundene Anpassungen der unterstützenden Prozesse werden noch dieses Frühjahr erfolgen.

Aber die Kontrollseite ist wohl nur eine, vermutlich sogar die Kehrseite: Die akademische Schreibkultur ist nicht nur etwas, das regelmäßig überprüft, sondern vor allem erlernt werden muss. Und hier kommen eine Reihe von Faktoren zusammen, die dieses Erlernen in letzter Zeit deutlich erschweren, wenn nicht sogar teilweise unmöglich machen:

  • Webrecherchen sind schon aus dem Schulunterricht nicht mehr wegzudenken und der unkritische, auf simple Wiedergabe getrimmte Umgang mit den neuen Medien ist wohl nicht nur den SchülerInnen anzulasten;
  • Zumindest das erste Jahr des WU-Studiums ist (alle strukturellen Gründe mal beiseite lassend) nahezu ausschließlich auf die Reproduktion bereits verfügbaren Wissens ausgerichtet und verfestigt ein solch reproduzierendes Lernverhalten – auch auf der Meta-Ebene;
  • Seminar- und ähnliche schriftliche Arbeiten sind aus den Bachelorstudien nahezu vollständig verschwunden – und damit auch die Möglichkeit die notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten überhaupt einmal zu trainieren, bevor sie im Zuge der Bachelorarbeit auf die Probe gestellt werden (die sehr heterogen organisierten Grundlagen (rechts)wissenschaftlichen Arbeitens können dieses Dilemma wohl nur begrenzt kompensieren);
  • Anforderungen und Betreuungsintensität bei den Bachelorarbeiten unterscheiden sich zwischen und innerhalb der Departments noch immer ziemlich – was gleichzeitig wenig überraschend ist, nachdem in der Vergangenheit nur wenig Gelegenheit dazu bestand, Erfahrungen mit dieser Art von Arbeit zu sammeln.

Eine erfolgreiche und nachhaltige Strategie zum Umgang mit Plagiaten sollte also wohl auch bei diesen strukturellen Ursachen ansetzen: bei den Curricula und Lehrveranstaltungsdesigns, den Assessmentformen und nicht zuletzt den Qualitätsstandards, die für Bachelorarbeiten und ihre Verfassung und Betreuung gelten. Softwarelösungen und Kontrollmechanismen sind ein wichtiger Bestandteil eines Gesamtkonzeptes, aber wohl kein besonders gutes Heilmittel (paradoxerweise ist das eigentliche Problem ja umso größer, je erfolgreicher die Kontrollen Verdachtsfälle zutage fördern). Auch in dieser Hinsicht sind an der WU mit der bisherigen Policy bereits einige wichtige Schritte gesetzt worden und weitere Maßnahmen sind in Vorbereitung – zufriedenstellende Lösungen können und werden aber wohl nur zu einem sehr geringen Teil technisch-administrativer Natur sein. Wenn wir wollen, dass unsere AbsolventInnen (wissenschaftlich) schreiben können, müssen wir es ihnen beibringen – ansonsten wird es beim Abschreiben bleiben.

3 Diskussionen über
“Plagiate als Kontrollproblem?”
  • Interessanter Artikel.

    Allerdings bin ich mir nicht sicher von welcher WU der Verfasser spricht, bzw. ob der Verfasser sich auf der WU überhaupt auskennt…

    1. >>Seminar- und ähnliche schriftliche Arbeiten sind aus den Bachelorstudien nahezu vollständig verschwunden<< Wie bitte???? In meinen SBWLs und PIs kann ich mich vor Seminararbeiten, Reflexionen, Bewertungen usw. kaum retten. Vermutlich meint der Kollege mit Bachelorstudium die STEP (was an sich ja schon traurig ist). Falls nicht, wäre Recherche vor dem Schreiben kein Fehler.

    2. Zumindest von den Vortragenden die ich persönlich kennenlernen durfte, wurde und wird mir konstant klargemacht, dass eine Bachelor Arbeit keine wissenschaftliche Arbeit an sich ist, sondern nur eine etwas bessere Zitatesammlung. Da frage ich mich, welchen Sinn die Anwendung einer Plagiatssoftware bzw. die Überprüfung einer Arbeit die nur aus Zitaten besteht hat??
    Klarerweise ist eine Bachelorarbeit ein reines Plagiat, da nur Sachen verwurstet werden, die irgendjemand schoneinmal zu Papier gebracht hat.

    Liege ich mit meiner Ansicht in dem Punkt etwa falsch?
    Würde mich auf eine Antwort des Autors freuen!

  • Sehr geehrter Franz,

    herzlichen Dank für die Rückmeldung! Auch wenn es immer noch viele Gelegenheiten (oder Verpflichtungen) zum Schreiben im Studium gibt (z.B. die von Ihnen angesprochenen Reflexionsarbeiten), so werden die Gelegenheiten eine bestimmte Art des akademischen Schreibens zu üben, in der eine (wissenschaftliche, aber auch praktische) Problemstellung eigenständig und systematisch bearbeitet wird, doch klar weniger. In diesem Sinne ist eine Bachelorarbeit an der WU zwar keine „wissenschaftliche“ Arbeit im engeren Sinne, aber doch eine akademische Arbeit: Dazu zählt den WU-Bestimmungen entsprechend auch ihr eigenständiger Charakter, der sich z.B. in der Art und Weise niederschlägt, wie Sie Ihr Thema fassen und strukturieren, wie Sie ihre Argumentation aufbauen, wie Sie mit der zitierten Literatur umgehen – und wie Sie die Einschätzungen anderer kommentieren und reflektieren (vgl. http://www.wu.ac.at/programs/bachelor/wiso/bw/thesis).

    Eine „Zitatesammlung“ als lose Aneinanderreihung von Bausteinen aus anderen Quellen wäre da wohl zu wenig. Im Übrigen macht es auch einen wesentlichen Unterschied, ob die Zitate und Quellen zumindest sauber und nachvollziehbar angeführt werden, oder ob der/die Verfasser/in darauf „vergisst“; in letzterem Fall kann eine die Software sehr wohl dabei helfen, das aufzudecken. Ob die so gefundenen Übereinstimmungen tatsächlich als Plagiat gelten können, entscheidet ja nicht die Software sondern der/die jeweilige Betreuer/in.

    Mit besten Grüßen,
    Oliver Vettori

  • „Fundamentally, this is a problem of misplaced economic incentives. As long as the academic credential is worth more to a student than the knowledge gained in getting that credential, there will be an incentive to cheat.“

    -Bruce Schneier
    http://www.schneier.com/blog/archives/2010/11/term_paper_writ.html

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