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Hall of Femmes: Renate Rathmayr

„Ich wollte wissen, welche andere Denk- und Sichtweise dahinter steckt.“

Bitte geben Sie ein paar biographische Eckdaten bekannt: welche Ausbildung haben Sie absolviert, was sind die wichtigsten Eckdaten ihrer beruflichen Entwicklung und welche Position haben Sie jetzt inne?

Ich habe Slawistik und Romanistik an der Universität Graz studiert und habe dieses Studium 1971 mit den Lehramtsprüfungen in Russisch und Französisch und zusätzlich mit dem Übersetzerdiplom für beide Sprachen abgeschlossen. Danach war ich an der Universität Innsbruck als Bundeslehrerin im Hochschuldienst tätig, meine Dissertation habe ich „nebenbei“ geschrieben.1975 habe ich an der Universität Innsbruck promoviert, zehn Jahre später folgte dann die Habilitation. Nach einem einjährigen Zwischenspiel als Gastprofessorin an der Universität Hamburg bin ich 1989 als ordentliche Professorin für Slawische Sprachen an die WU gekommen, habe hier das Institut für Slawische Sprachen gegründet und leite dieses auch seit 1989.

Warum haben Sie sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden? Gab es einen Menschen oder ein Erlebnis, der oder das Sie inspiriert hat, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen?

Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Mein Vater war Arzt und er hat gefunden, das sei kein Beruf für eine Frau. So habe ich mich dann für Französisch entschieden, weil ich die Sprache ab der ersten Klasse Gymnasium gelernt und geliebt hatte. Russisch interessierte mich, weil ich gemerkt habe, dass man von Russland nichts weiß, außer Tschaikowsky und Tolstoi kennt man nichts. Deshalb habe ich beschlossen, Slawistik zu studieren. Nach und nach ist die Romanistik zum reinen Hobby geworden und die Slawistik zum Beruf.
Während meiner Lehrtätigkeit an der Universität Innsbruck tauchten dann immer wieder offene Probleme auf, auf die ich in den vorhandenen Lehrwerken und in der Literatur keine Antworten gefunden habe. Ich wollte mehr wissen und habe von Anfang an Fragen gestellt, geforscht und darüber publiziert. So entstand meine Dissertation. Aber auch danach wurden die Fragen nicht weniger. Irgendwann habe ich gedacht, es wäre sinnvoll, meine Forschungsanstrengungen zu fokussieren und eine Habilitation zu schreiben. Und wenn man mal so weit gekommen ist, kann man nicht mehr aufhören zu forschen.

Was sind Ihre aktuellen Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte?

Mich hat in der Linguistik immer besonders die Richtung der Pragmatik interessiert. Damit ist Sprache gemeint, nicht wie sie im Lexikon steht, sondern wie sie in komplexen Kommunikationssituationen angewendet wird, wo die Menschen mit all ihren Emotionen und kulturbedingten Eigenheiten agieren. Und so habe ich z.B. den Sprechakt der Entschuldigung im Russischen sehr genau erforscht. Wofür entschuldigt man sich und mit welchen Worten tut man das? Im Russischen würde man sich nie für etwas entschuldigen, wenn man keinen Funken von Schuld verspürt, wie z.B. für schlechtes Wetter. Was bei uns im Deutschen gelegentlich passiert, wenn Gäste kommen. Je länger ich an der WU bin, umso mehr habe ich mich auch den spezifischen Fragen der Wirtschaftskommunikation zugewandt, interkulturelle aber auch intrakulturelle Aspekte des Unternehmensdiskurses, der Kommunikation in Unternehmen erforscht. Besonders interessant ist auch, wie sich der gesellschaftliche Umbruch, der Übergang von der Planwirtschaft und dem Kommunismus zur Marktwirtschaft und dem Kapitalismus auf die Sprache und die Kommunikation zwischen den Menschen auswirkt.

Wenn Sie Ihren beruflichen Werdegang betrachten – was waren Ihre persönlichen Erfolgsfaktoren?

Es hat mich einfach von ganzem Herzen interessiert, warum in der russischen Sprache Situationen und Tätigkeiten so anders beschrieben werden, als in der deutschen Sprache. Ich wollte wissen, welche andere Denk- und Sichtweise dahinter steckt. Zusätzlich war ich bereit, auf Freizeit zu verzichten. Ich hatte eine hohe Lehrverpflichtung an der Universität Innsbruck gehabt, trotzdem habe ich nebenbei meine Dissertation geschrieben. Das geht natürlich auf Kosten der Freizeit. Dann hatte ich in Innsbruck einen Chef, den Vorstand des Instituts für Slawistik, der mich sehr unterstützt hat. Und da mein Mann ebenfalls an der Universität tätig war, gab es am Wochenende keine Diskussionen darüber, wenn ich forschen wollte. Weil es ihm genauso gegangen ist. Die Kinder haben auch mitspielen müssen, aber die Vereinbarkeit von Familien- und Dienstpflichten ist an der Universität leichter realisierbar als z.B. bei einer Fließbandarbeit.

Was motiviert Sie besonders in Ihrer Arbeit?

Einerseits mein wirkliches Interesse, auf etwas draufzukommen, was ich noch nicht weiß. Sehr motivierend sind auch die Studierenden, die immer wieder Dinge in Frage stellen oder nicht verstehen. Das inspiriert mich, selber weiter nachzuforschen. Und natürlich Diskussionen mit Slawistinnen und Slawisten aus aller Herren Länder.

Was sollte die WU noch tun, um die Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu erhöhen?

In der Zeit, als ich die allererste und einzige Professorin war, haben offizielle Schreiben an die Professorenschaft immer mit „Sehr geehrter Herr Kollege“ begonnen. In der Einladung zum WU-Ball stand „Bitte nehmen Sie Ihre Gattin mit“. Ich habe das damals mit Humor genommen, ignoriert oder zurück geschrieben, dass ich keine Gattin habe. Das ist heute kein Thema mehr, da hat sich vieles zum Positiven verändert. Es ist auch schön, dass es heute normal ist, dass eine Frau Professorin ist. Rektor Badelt hat viel in diesem Bereich getan. Frau Hanappi-Egger als neue Rektorin ab 1. Oktober wird sicherlich dafür sorgen, dass sich die WU auch in dieser Hinsicht weiter gut entwickelt.

Welche Empfehlungen möchten Sie gerne an junge Wissenschaftlerinnen, die am Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn stehen, weitergeben?

Als ich begonnen habe, wissenschaftlich zu arbeiten, zählte für mich nur: was interessiert mich? Das wollte ich auch erforschen und dann wollte ich publizieren. Heute sind Rankings sehr wichtig geworden und Publikationen in A- und A+-Journals, und manchmal werden diese Aspekte vielleicht etwas überbewertet. Ich würde jungen Kolleginnen und Kollegen raten, nicht auf die Fragen zu vergessen, was interessiert mich denn, was möchte ich wissen? Denn das ist eine sehr schöne Motivation für die Forschung.

#HallofFemmes #Gleichstellung #WU #Interview


Mit dem Projekt „Hall of Femmes“ soll die Sichtbarkeit von Frauen an der WU und mit Bezug zur WU erhöht und andere Frauen gestärkt werden, indem es Vorbilder schafft. In kurzen Interviews schildern die befragten Frauen ihre Karrierewege, berichten über entscheidende Erfolgsfaktoren für ihre berufliche Entwicklung und geben persönliche Karriereempfehlungen. Die ersten Interviews werden in einer mehrwöchigen Reihe im WU-Blog veröffentlicht.

3 Diskussionen über
“Hall of Femmes: Renate Rathmayr”
  • Wir hatten sehr viel Spaß und Interesse beim Durchlesen dieses Artikels. Es ist vor allem interessant "hinter die Kulissen" der Professorinnen blicken zu können. Insbesondere die Ungleichstellung vor einigen Jahren hat uns verblüfft. Heutzutage steht – wie Frau Professor Rathmayer sagt – eine Professorin einem Professor in Nichts nach und das finden wir durchaus positiv. Wir verfolgen mit Spannung und Neugierde die HallOfFemmes und erwarten mit Spannung die nächste Kurzpräsentation.

    Bis dahin liebe Grüße
    Euer FoCor Lektorat
    www.focor.at

  • Liebes FoCor Lektorat,
    vielen Dank für eure netten Worte! Es freut uns sehr, dass euch unsere Hall of Femmes gefallen hat. Wir sind bemüht, die Serie so schnell wie möglich fortzusetzen. 🙂

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