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Budgetmangel: Auswirkungen auch auf "Mittelbau"

Otto Janschek, Assistenzprofessor am Institut für Unternehmensführung, davor bis 2010 am Institut für BWL der Industrie und ebenfalls seit 2010 Kuriensprecher der „Mittelbaukurie“, schreibt über die Auswirkungen des offenen Unizugangs und der Budgetpolitik auf den sogenannten „Mittelbau„, der einen wesentlichen Teil der Lehr- und Forschungsarbeit an der WU erbringt.

Die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Universitäten ist derzeit durch Beiträge Pro und Contra Zugangsregelung und – daran gekoppelt – Fragen der finanziellen Ausstattung der Universitäten geprägt. Die medienwirksam angekündigte „Universitätsmilliarde“ mag zwar viele Engpässe abmildern, ist aber nur eine Fortsetzung der Mängelverwaltung. Die Folgen dieser Mängelverwaltung werden in den Medien meist für die Gruppe der Studierenden diskutiert. Zeit also, sich den Auswirkungen auf jene Gruppe zu widmen, die weitgehend unbeachtet einen wesentlichen Teil der Lehr- und Forschungsarbeit an der WU erbringt: dem „Mittelbau“.

„Mittelbau“ sind alle wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen mit Ausnahme der berufenen Professor/inn/en, also z.B.

•    Universitätsassistent/inn/en ohne Doktorat (sog. „Prae-docs“),
•    Post-docs in befristeten oder unbefristeten („tenure-track“) Dienstverhältnissen (Assistenzprofessor/inn/en „neu“),
•    assoziierte Professor/inn/en mit befristeten oder unbefristeten Dienstverhältnissen,
•    beamtete a.o. Professor/inn/en und Assistenzprofessor/inn/en „alt“,
•    Senior Lecturer,
•    drittmittelfinanzierte Projektassistent/inn/en und
•    die – an der WU zahlenmäßig große – Gruppe der externen Lehrbeauftragten.

Während viele Mittelbauangehörige, die noch ein Doktoratsstudium absolvieren, teilweise auch die Rolle von Studierenden einnehmen, sind assoziierte und a.o. Professor/inn/en weitgehend den berufenen Professor/inn/en gleichgestellt, was sich neben der Freiheit in der Wahl der Lehr- und Forschungsthemen u.a. in der Übernahme von administrativen Leitungsfunktionen (Instituts- und Projektleitung, Vizerektor/in, Verantwortung für Studienangebote) zeigt.

Zur Verdeutlichung der Zahlenverhältnisse: Rund 85 berufenen Professor/inn/en stehen insgesamt rund 1.150 Mittelbauangehörige gegenüber, davon rund 500 externe Lehrbeauftragte, 250 Assistent/inn/en mit befristeten Dienstverträgen, 110 a.o. Professor/inn/en sowie Assistenzprofessor/inn/en, knapp 200 Projektangestellte und gut 100 Tutor/inn/en. Von insgesamt rund 1.300 wissenschaftlichen Mitarbeiter/inn/en befinden sich damit rund 1.000 in befristeten Verträgen.

Die abzusehende Verschärfung der im internationalen Vergleich schon bisher schlechten Ressourcensituation der WU, die zur Einleitung des Schlichtungsverfahrens geführt hat, hat das Rektorat der WU veranlasst, als erste Maßnahme eine dreimonatige Nachbesetzungssperre für alle nachzubesetzenden Stellen angekündigt. An anderen Universitäten überlegt man zur Vermeidung der Zahlungsunfähigkeit bereits Kündigungen (Der Standard, 20.4.2011).

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter/inn/en befinden sich damit in einer Doppelmühle:
•    Deutlich mehr Leistung als bisher soll in mehrfacher Hinsicht erbracht werden:

– Die für die Lehre aufzubringende Zeit steigt (auch unter der Annahme konstanter Studierendenzahlen in den Bachelorstudien). Zum einen erfordern die gerade erst anlaufenden betreuungsintensiven Master-Programme mehr Zeit. Zum anderen nehmen die permanenten Anstrengungen um die Verbesserung der Lehrqualität und deren Dokumentation, letztere getrieben durch die für die Erhaltung der internationalen Ausbildungsreputation notwendigen Evaluierungen, mehr Zeit in Anspruch.

– Der Druck auf eine Steigerung des Forschungsoutputs nimmt zu. In vielen Feldern werden Stellen ausschließlich nach der Anzahl von Publikationen in international renommierten Zeitschriften vergeben. Der Prozess bis zur erfolgreichen Publikation dauert nicht selten Jahre, der Anteil der abgelehnten Aufsätze vieler Zeitschriften liegt über 90%. Durch die sinkende Zahl von Stellen und die dadurch zunehmende Zahl der Forscherinnen und Forscher, die um den nächsten (hoffentlich unbefristeten) Vertrag kämpfen, hat auch die Konkurrenz deutlich zugenommen.

•    Dieser Entwicklung stehen – nach derzeitigem Stand der Dinge – nominell konstante Budgets in den nächsten Jahren gegenüber, die bei einem Personalkostenanteil von rund 70% alleine zur Kompensation der jährlichen Lohnerhöhungen eine kontinuierliche Reduktion des Personalstandes oder Umschichtungen in formal geringer qualifizierte Stellen erfordern.

Ebenso heterogen wie die Zusammensetzung des Mittelbaus sind die Auswirkungen der Unterfinanzierung der WU auf die verschiedenen Gruppen der Mittelbauangehörigen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Prae-docs

Mitarbeiter/inn/en, die neben ihren anderen Aufgaben an den Instituten auch ein Doktoratsstudium absolvieren, erhalten seit 2009 typischerweise 6-Jahresverträge über 30 Wochenstunden inklusive 2 Stunden Lehrverpflichtung. Als Forschungsoutput wird in der Regel eine Reihe von Konferenzbeiträgen und Aufsatzpublikationen im Zusammenhang mit der zu verfassenden Dissertation erwartet. Dazu kommen zahlreiche Mitwirkungspflichten, die – je nach Vertrag – von der Mitbetreuung von Bachelor-, Diplom- und Masterarbeiten, der Mitwirkung an Fachprüfungen bis zur Übernahme von administrativen Tätigkeiten (z.B. Koordination von Lehrveranstaltungen, Betreuung elektronischer Lehrangebote oder administrative Unterstützung von Forschungsprojekten) reichen. Die Anwesenheitszeit an der Universität liegt während des Semesters daher in der Regel deutlich über 30 Wochenstunden. Freie Blockzeiten für Forschungsaktivitäten sind hauptsächlich auf die vorlesungsfreie Zeit beschränkt (N.B.: Wie andere Angestellte haben auch Universitätsangestellte fünf Wochen Urlaubsanspruch).

Für diese Gruppe verschlechtert sich die Situation mehrfach:
•    Durch die dreimonatige Nachbesetzungssperre beim Einstieg gelingt der Knowhow-Transfer durch die Vorgänger schlechter als bisher und erfordert daher mehr Zeit bei den Neueinsteigern.
•    Durch die allgemeine Mehrbelastung sinken tendenziell auch die Zeitbudgets der Doktoratsbetreuer/innen und unter Umständen sogar die Bereitschaft, überhaupt noch Stellen auszuschreiben (Argument: Eine Reduktion der prae-doc-Stellen ermöglicht die Abgabe von Lehr- oder Admin-Aufgaben).
•    Kommt es – was derzeit nicht absehbar ist – zu keiner Reduktion des gesamten Aufgabenpakets einer akademischen Einheit, wird das bestehende Aufgabenvolumen auf das verbleibende (reduzierte) Personal verteilt. Dies geht entweder zu Lasten der Qualität oder des Outputs in anderen Bereichen. „Klassische“ Assistentenstellen (im Gegensatz zu Projektmitarbeiter/inne/n, die nur in Forschungsprojekten tätig sind), die eine Post-doc-Stelle anstreben, sind davon besonders betroffen: Von dem im Vergleich zu reinen „Forschungsassistent/inn/en“ oder Teilnehmer/inn/en international gefragter PhD-Programme ohnedies schon geringeren Zeitbudget für die Aneignung von Methodenkompetenz und für Publikationen bleibt noch weniger als bisher übrig. Die Chance auf den nächsten Schritt einer Uni-Karriere, die erfolgreiche Bewerbung auf eine post-doc-Stelle, sinkt. Vor diesem Hintergrund ist auch die zwecks Flexibilisierung der Personalkosten angedachte Teilung oder kürzere Befristung von Stellen keine erfolgversprechende Maßnahme, solange andere Institutionen bessere Chancen auf den Erwerb eines qualitativ hochwertigen Doktorats bieten.

Post-docs

Wer sich für eine Post-doc-Stelle entscheidet, will üblicherweise im Wissenschaftsbetrieb Karriere machen. Unabhängig vom Fach erfordert dies eine kontinuierliche, möglichst reputationssteigernde Publikationstätigkeit in renommierten Zeitschriften oder Verlagen. Wer den Sprung auf die nächste Stelle schaffen will, wird seine Zeit daher soweit möglich dieser Forschungstätigkeit widmen. Versuche, dieser Gruppe zusätzliche nicht-forschungsrelevante Leistungen abzuverlangen, wird beim bestehenden Personal entweder zu Konflikten oder minimalistischer Erledigung der oktroyierten Aufgaben führen. Die Gewinnung von Spitzennachwuchsforscher/inn/en für solche Stellen wird erschwert oder gar unmöglich, wenn in den Qualifizierungsvereinbarungen zusätzlich zu sehr guten Forschungsleistungen andere Leistungen verlangt werden, die an anderen Institutionen nicht oder nicht in diesem Umfang erwartet werden.

a.o. Professor/inn/en und Assistenzprofessor/inn/en

Betrachtet man die Gruppe der Mittelbauangehörigen mit unbefristeten Verträgen, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass diese kaum von der drohenden Verknappung betroffen sein werden. Leider ist das nicht der Fall: Nimmt der Leistungsdruck in Organisationen zu, so geschieht dies häufig am stärksten bei jener Gruppe, von der erwartet wird, dass sie aufgrund ihrer relativ abgesicherten Position und (z.B. aus Alters- oder familiären Gründen) beschränkten externen Optionen den höchsten Leidensdruck aushält. Jenen Personen, die schon bisher – aus welchen Motiven auch immer –einen überproportionalen Beitrag zur Aufrechterhaltung des Systems Universität leisten, hängt man dann noch etwas mehr um, und sei es nur, dass das Zeitbudget für das Verteidigen und Aufrechterhalten der eigenen Ressourcenausstattung zunimmt oder der bevorstehende Umzug der WU Zeit für zusätzliche administrative Tätigkeiten erfordert. Viele Projektleiter/innen verfügen z.B. über keine oder nur geringe administrative Unterstützung, sodass derzeit Tätigkeiten wie z.B. die laufende Projektabrechnung oder einfache, mitunter aber zeitraubende Abklärungsprozesse mit Projektauftraggebern notgedrungener maßen von den Projektleiter/inne/n durchgeführt werden müssen.

In Zeiten knapper werdender interner Budgets wird die Konkurrenz um Drittmittel härter, der Aufwand für die Einwerbung von Projektmitteln nimmt tendenziell zu, ohne dass deshalb von einer höheren Erfolgsrate ausgegangen werden kann. Manche Angehörige dieser Gruppe erleben dies als einen so negativen Wandel ihres Berufsbildes, dass sie resignieren. Für international erfolgreiche Forscher/inn/en in dieser Gruppe wird es attraktiv, an Universitäten mit besseren Arbeitsbedingungen zu wechseln.

Umso mehr verwundert es, dass die für die Universitäten billigste Motivationsmaßnahme, die Umsetzung des sogenannten faculty-Modells, immer noch auf sich warten lässt. Jenen Forscher/inne/n, die in den letzten Jahren Forschungsaufenthalte in den sonst so gern als Benchmark apostrophierten englischen oder amerikanischen Spitzenuniversitäten absolviert haben, fällt bei der Rückkehr an die WU auf, dass der Begriff „faculty“ zwar auch hierzulande vorkommt, das Rollenverständnis aber häufig immer noch von der formalen Kurienzugehörigkeit dominiert wird.

Lehrbeauftragte

Die absolut überwiegende Zahl der Lehrbeauftragten an der WU ist in Form von semesterweise vergebenen Werkverträgen tätig. Durch die semesterweise Neuvergabe steigt für diese Gruppe bei knapper werdenden Budgets die Unsicherheit, ob Lehraufträge überhaupt oder nur gegen Übernahme zusätzlicher Leistungen oder nur ehrenamtlich vergeben werden. Gerade an Instituten, an denen Lehrbeauftragte wesentliche Teile der Lehre tragen, führt dies unweigerlich zu Frustration und Konflikten.

Ein häufig vernachlässigter Aspekt: Viele Angehörige dieser Gruppe sind ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter/innen, die einen wesentlichen Teil des Netzwerks zu Unternehmen, NPOs und öffentlichen Institutionen bilden, die oft als erste Ansprechpersonen in ihren jeweiligen Organisationen fungieren. Gröbere Einschnitte in diesem Bereich bergen das Potential, dieses Netzwerk nachhaltig zu beschädigen.

In einzelnen Fächern, in denen eine große Zahl wissenschaftlich qualifizierter Personen einer beschränkten Zahl von Stellen gegenübersteht, versuchen diese die Zeit bis zur Erlangung einer unbefristeten Forschungsstelle mit allen Arten von befristeten universitären Tätigkeiten zu überbrücken. Lehraufträge sind für diese Gruppe wichtige Bausteine, die das finanzielle Überleben sichern. Kürzungen in diesen Fächern bedeuten häufig das Aus für Ambitionen auf eine Karriere in der Forschung.

Negative Folgen

Negative Folgen dieser gruppenindividuellen Entwicklungen für die WU sind auf Dauer nicht vermeidbar und treffen direkt oder indirekt auch die Studierenden und die Mitarbeiter/inn/en der Universitätsverwaltung. Die WU nähert sich – wie andere österreichische Universitäten auch – rasch dem Punkt, an dem auch bei großer Leistungsbereitschaft und Optimierungswillen aller Universitätsangehörigen das bisherige Leistungsniveau in Lehre und Forschung nicht nur nicht aufrechterhalten werden kann, sondern durch die Zuspitzung latent vorhandener Konflikte erhebliche Dysfunktionalitäten drohen.

Dem neuen Rektoratsteam, das mit 1. Oktober seine Funktionsperiode angetreten hat, ist zu wünschen, dass es in dieser Situation nicht nur die Leistungsbereitschaft aller Universitätsangehörigen bestmöglich zu nutzen und zu fördern vermag, sondern dass in dieser Periode auch solche Änderungen der strukturellen Voraussetzungen gelingen, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lehr- und Forschungsleistungen der WU führen.

1 Diskussion über “Budgetmangel: Auswirkungen auch auf "Mittelbau"”

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