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Offener Brief an Abg. Christoph Matznetter

Der Wirtschaftssprecher der SPÖ, Christoph Matznetter hat in der Ausgabe des Standard vom 27. September einen Kommenter der anderen verfasst, in dem er den Universitäten u.a. Reformunwillen vorwirft. Als Reaktion darauf habe ich einen offenen Brief verfasst, um Hrn. Matznetter auf einige Fakten aufmerksam zu machen.

Sehr geehrter Herr Matznetter,

Als einer der Rektoren, die so „reformunfreundlich“ sind, würde ich Ihnen gerne ein paar Fakten über die Wirtschaftsuniversität mitteilen, die Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit offensichtlich entgangen sind:

Anstieg Budget vs. Studierendenzahlen

Wissen Sie, dass gleichzeitig mit dem von Ihnen kolportierten (leichten) Budgetanstieg die Zahl der Studienanfänger/innen seit 2007 dramatisch angestiegen ist? Wir haben derzeit pro Studierenden und Jahr € 2.741.- zur Verfügung. Im Jahr 2007 waren das noch € 2.979.-. Wobei das „noch“ hier bestenfalls ironisch aufgefasst werden kann: Wirtschaftswissenschaftlichen Fachhochschulen steht ein Betrag von € 6.510.-/Studierenden zur Verfügung.

Gesetzgeber als Quelle der Ineffizienz

Wissen Sie, dass der Gesetzgeber die größte Quelle immer noch bestehender Ineffizienzen im Unisystem ist? Beispielsweise verbietet uns das Gesetz, irgendetwas dagegen zu tun, dass Studierende oft jahrelang zwar Ressourcen der Uni benützen, aber keine Prüfungen ablegen.

Professor/in: Studierende/r – 1:365

Wissen Sie, dass an der WU trotz jährlich erweiterter Kapazitäten die Zahl der Anfänger/inn/en rund fünfmal (!) so groß wie die Kapazitäten ist? Wollen Sie dann ernsthaft UNS vorwerfen, wir seien die Ursache, dass es nicht mehr AkademikerInnen gibt? Auf eine/n ProfessorIn kommen an der WU 365 Studierende.

learn@WU – eine der meistgenutzten eLearning Plattformen der Welt

Wissen Sie, dass die WU mit über 25.000 registrierten NutzerInnen und bis zu 2 Millionen Views/Tag eine der meist genutzten eLearning Plattformen der Welt (!) hat? Studierende finden darauf sämtliche Lernunterlagen, von Kontrollfragen über Musterprüfungen bis zu aufgezeichneten Lehrveranstaltungen. Diese Plattform haben wir seit zehn Jahren aufgebaut, Ihr Vorschlag kommt daher ein wenig spät.

Internationale Akkreditierungen gefährdet

Wissen Sie, dass uns die Qualitätssteigerungen in der Lehre unserer Universität unter anderem internationale Akkreditierungen eingebracht haben, dass diese aber gefährdet sind, weil wir in den ersten Semestern ausschließlich Großprüfungen in Form von Multiple Choice durchführen und den Zugang nicht regeln können? Ist das wirklich Ihre Idealvorstellung eines Studiums?

Studienbeschleunigungsprogramm

Wissen Sie, dass an der WU schon seit fast 10 Jahren auch in den Ferien unterrichtet wird? Wir bieten Studienbeschleunigungsprogramme an, um unsere fleißigen Studierenden zu unterstützen, schneller durchs Studium zu kommen.

„Freier“ Hochschulzugang ist Zynismus

Wissen Sie, dass unsere Studierenden die Propaganda vom „freien Hochschulzugang“ nur mehr als Zynismus erleben können? Alle dürfen in die Uni herein, und sobald sie drinnen sind, ist es unser Job, sie wieder hinauszuwerfen. Eine phantastische Arbeitsteilung zwischen Politik und Universitäten.

Fazit

Um zu Ihrem Bild zu kommen: In einer Disco würde der Betreiber gerichtlich verfolgt, wenn er mehr Gäste ins Lokal lässt, als drinnen Platz ist. In der Bildungspolitik wird dieses Prinzip gefeiert – es gibt keinen Türsteher und weit mehr als die Hälfte der Gäste werden nach einiger Zeit ohnmächtig aus dem Lokal getragen. Und dann erklärt uns der Wirtschaftssprecher der größten Regierungspartei, wir brauchen eh kein Geld, um das Lokal zu vergrößern.

12 Diskussionen über
“Offener Brief an Abg. Christoph Matznetter”
  • Ich gehe davon aus, dass die Fakten exakt stimmen; habe das selbst erlebt als ich vor ca. 20 Jahren -nebenberuflich, denn ich musste ja von etwas leben- Jus zu studieren versuchte. Schon damals war das Juridikum heillos überlaufen und ich sass mit anderen Mitstudierenden nicht einmal vor dem Vorlesungszimmerchen am Boden! Unwürdig für einen reichen Staat wie Österreich.

  • Unsere einzige Zukunfts-Ressource ist eine gebildete Gesellschaft. Ich bin stolz darauf, dass Österreich fast das einzige Land mit einem „freien“ Hochschulzugang ist, die Idee ist toll auch wenn es schwer umzusetzen ist – das sollten wir trotzdem nicht einfach aufgeben! Es gibt dabei doch eh nur einen Knackpunkt – Geld – ich hoffe unsere Politik bleibt nicht so unfähig das zu begreifen.

  • Lieber Florian, es ist wahrlich richtig, zu behaupten, dass die Bildung der Gesellschaft eine wichtige Zukunftsressource ist, allerdings ist sie das überall, auch in jenen Ländern, wo das Studieren etwas (viel) kostet. Wenn ich studieren will (und ich mache das nebenberuflich und führe 2 Firmen) dann kann ich das auch und dann darf es mich auch etwas kosten. Studiengebühren gehören, die Rückzahlung könnte ja EK-Steuerlich begünstig werden.

  • Sehr geehrter Herr Rektor!

    Ich danke Ihnen herzlich für die klaren Worte und bildhaften Darstellungen.

    Herr Matznetter muss sich hingegen die Frage gefallen lassen, wie jemand, der einen Hörsaal allem Anschein entgegen bereits von innen gesehen hat, derart unverschämt den Universitäten Trägheit vorwerfen will. Ein Riese mag zwar nicht gerade das beweglichste Wesen sein, doch wer ihn festkettet kann ihm seine scheinbare „Bequemlichkeit“ nicht mit gutem Willen ankreiden.
    Mit anderen Worten: Wollen Sie, Herr Matznetter, die Universitäten dafür bestrafen, dass sie geworden sind, was ihre Politik aus ihnen gemacht hat?
    Dass die Bildung der jungen Generationen kaputtgespart wird, ist nichts neues. Ihre Vorwürfe hingen bloß Spott und Hohn.

  • Christoph Matznetter schreibt:
    „Die Pro-Kopf-Kosten sind laut OECD-Bericht (Education at a glance 2011) am vierthöchsten unter allen Industriestaaten.“

    Nach einem Blick in die Daten stellt sich mir die Frage, welche Staaten Herr Matznetter zu den Industriestaaten zaehlt:
    http://www.oecd.org/dataoecd/61/18/48630868.pdf

    Norwegen, Daenemark, USA, Schweden, Schweiz, Irland, Niederlande und Kanada geben pro Kopf deutlich mehr aus fuer tertiaere Bildung (Universitaeten, Fachhochschulen usw), die pro-Kopf-Ausgaben in den USA liegen etwa beim Doppeltem von denen in Oesterreich. (Education ad a Glance, OECD 2011, S. 209)

    Setzt man die pro-Kopf-Ausgaben ins Verhaeltnis zum pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt, schaut es noch duesterer aus. Oesterreich liegt deutlich unter der Kurve, im Verhaeltnis zum pro-Kopf Wirtschaftsleistung liegen die Bildungsausgaben im tertiaeren Bereich deutlich zu niedrig. (Education ad a Glance, OECD 2011, S. 213)

    Ueber dem OECD-Durchschnitt liegen die oesterreichischen pro-Kopf Bildungsausgaben vor allem in der Volksschule (33% ueber OECD-Durchschnitt), in der Hauptschule bzw. AHS-Unterstufe (36% ueber OECD-Durchschnitt), und bei den Kollegs, Hoeheren Technische Lehranstalten mit laengerer Ausbildungsdauer und vergleichbaren Einrichtungen (54% ueber OECD-Durchschnitt). Bei den Universitaeten und Fachhochschulen liegt Oestereich nur 10% ueber dem OECD-Durchschnitt, und damit im Mittelfeld. (Education ad a Glance, OECD 2011, S. 218)

    Christoph Matznetter schreibt auch:
    „Österreich ist mit einer Akademikerquote von 19 Prozent ein akademisches Entwicklungsland.“ Ich denke mit seinem Hinweis auf den OECD-Bericht gibt er auch gleich die Erklaerung, warum das so ist: Zu wenig Unterstuetzung aus der Politik. Je weiter sich die Menschen in Oesterreich von einer grundlegenden Bildung hin zu einer hoeher qualifiezierten Bildung bewegen, desto weniger Unterstuetzung erhalten sie von der Politik. Aber leben wir wirklich in einem Land wo wir vor allem minimalst ausgebildete Menschen brauchen, die bereit sind fuer einen niedrigen Lohn viel zu arbeiten?

    Dabei sollte man bedenken, dass OECD-Laender wie die Slovakei oder Tschechien ihre pro-Kopf-Bildungsausgaben im Bereich der Unversitaeten und Fachhochschulen in den letzten Jahren massiv gesteigert haben, also Laender mit etwa der halben pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von Oesterreich. Anscheinend sehen diese Laender ihre (wirtschaftliche) Zukunft in besser ausgebildeten Einwohnern und diese Laender sind bereit dafuer auch zu investieren. Wo sieht Herr Matznetter die Zukunft Oesterreichs?

    Es ueberrascht mich, dass Herr Matznetter die Zahlen die er anfuehrt offensichtlich ganz anders interpretiert, und das Problem bei den Universitaten wie der hoch optimierten, und trotzdem ganz offensichtlich voellig ueberlasteten WU sucht.

    • Ich habe die Pro-Kopf-Bildungskosten zitiert, bei denen Ö bereits den 4. Platz einnimmt – vgl. Tabelle B1.1.a auf Seite 218 im jüngsten OECD-Bericht. Das ist die für den Staat relevante Zahl, da sie die Effektivität des gesamten Bildungssystems reflektiert.

      Die Anführung dieser Zahl ist zusätzlich auch deswegen gerechtfertigt, weil bei uns viele Ausbildungsgänge (zB HTL) nicht unter „tertiär“ eingeordnet werden, die aber in den meisten anderen OECD-Ländern in diese Kategorie fallen. Gerade die technischen Fächer sind mit höhen Pro-Kopf-Kosten verbunden. Auch der Standard hat bei seiner Berichterstattung nur diese Zahl aus Tabelle B1.1.a gebracht (vgl. http://derstandard.at/1315006208903/OECD-Studie-Trotz-leicht-steigender-Akademikerquote-faellt-Oesterreich-zurueck).

      Wenn man es aber schon genau nur für die Studenten haben will, dann sind nicht nur die pauschalen Kosten je Student und Jahr (Chart B1.2 auf Seite 209), sondern auch die Dauer der Ausbildung zu berücksichtigen: Diese Tabelle B1.4 auf Seite 212 führt aber Ö bereits auf Platz 8 unter allen OECD-Ländern.

      Unbestritten ist aber, dass Ö pro Studierenden jedenfalls bereits deutlich über dem OECD und EU-Schnitt liegt (vgl. Tab. B1.1.a auf Seite 218).

      Weiters war Ö eines der wenigen Länder, die auch ab der Wirtschaftskrise 2008 die Uni-Budgets angehoben, und nicht wie die meisten Länder gekürzt haben. Ich nehme daher an, dass wir bei Vorligen der Daten des Jahres 2011 in zwei Jahren bereits Irland, Großbritannien, Dänemark und Deutschland überrundet haben werden.

      Was mich so ärgert ist, dass ich mich persönlich auf Grund der Zusagen unseres damaligen Wissenschaftsprechers Broukal an die Rektoren bei den Budgetverhandlungen 2007/08 und dann beim Regierungsprogramm 2009-2013 sehr für die deutliche Erhöhung der Uni-Budgets eingesetzt habe, die auch in den letzten 5 Jahren erfolgt ist. Jetzt kommt aber von Seiten der Unis nur ÖVP-Propaganda mit Forderungen nach Zugangsbeschränkungen, Studiengebühren und dem Hinweis, dass die Budgets nicht im Verhältnis der Studentenzahlen erhöht wurde (was objektiv nicht stimmt).

      Natürlich wollen wir alle das Ziel der weiteren Anhebung der Mittel in Richtung 2% des BIP erreichen; es kann aber nicht sein, dass gleichzeitig nur Flaschenhälse in den Studien errichtet wurden und nicht mehr beseitigt werden. Unbestreitbar ist auch die Verschulung in den letzten zwei Jahrzehnten. Das empfinde ich im Lichte des Umstands, dass wir bei der Akademikerquote ein Entwicklungsland sind, als Reformverweigerung der autonomen Universitäten. Ich hätte mir erwartet, dass die Unis Vorschläge machen, wie durch Änderungen der Studienordnungen, Forcierung moderner Medien, Anbot auf Distance-learning bei einzelnen Teilen der Studienzweige usw. auch bei knappen Mitteln bildungswillige, junge Menschen auch weiterhin den Zugang zu den Unis haben. Gekommen ist nur: Türen zumachen, Abschreckung mit Studiengebühren, Eingangsphasen mit knock-out usw. Schade!

      Mit freundlichen Grüßen
      C. Matznetter

  • Die eigenen Hausaufgaben sollte die WU nicht vergessen: Dass es Lehrendem nicht möglich ist, gegen „no shows“ vorzugehen, die sich zwar erfolgreich angemeldet haben, aber dann nicht zur ersten Stunde erscheinen … das ist WU-Thema und seit Jahren ungelöst. Wäre nett, wenn sich ein Vizerektor finden würde, der sich dieses Themas annimmt.

  • Also scheinbar gibt es keine probleme an den unis,und unsere politik macht alles richtig. Ich finde es schadr dass wir nur immer sagen was in anderen ländern schlechter ist anstatt die probleme an unseren unis zu lokalisieren und darauf zu reagieren.

  • @Magnifizenz: Im vorvorigen Blogbeitrag zitieren Sie eine Studie des BMWF, wonach das Betreuungsverhältnis 1:393,6 wäre. Hier auf einmal 1:365. Haben Sie jetzt gerundet 10 Prozent mehr Professoren? Oder entsprechend weniger Studenten?

    • Lieber Alumni,
      Wie Sie schon sagen – im vorvorigen Beitrag wird die Studie des BMWF zitiert. Die Betreuungsverhältnisse bezogen sich damals auf das „Statistische Taschenbuch 2010“, das mit den Zahlen von 2009 arbeitet. 2010 ist an der WU die Zahl der Studierenden gestiegen, aber vor allem auch die Zahl der Professor/inn/en. Weshalb wir unser Betreuungsverhältnis von 1:393 auf 1:365 steigern konnten. Österreichweit ist das leider immer noch das schlechteste Verhältnis. Zum Vergleich: Der Betreuungsverhältnisdurchschnitt an österreichischen Unis (inkl. Kunstunis) liegt bei 1:115.

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